Montag, 1. Oktober 2012

Der Erfolg der Pusterer Seele

Woran liegt es, dass in einer Kleinstadt mit 15.629 Einwohnern regelmäßig 2.000 Besucher in das Eishockeystadion pilgern, während sich in einer Provinzhauptstadt mit 104.841 Einwohnern nur 500 für den selben Sport begeistern können? Wir sprechen nicht von zwei Orten, die durch den Äquator voneinander getrennt sind. Bruneck und Bozen liegen exakt 74.4 km voneinander entfernt, liegen im selben Staat, sprechen (mehr oder weniger) die gleiche Sprache und lesen die selbe Zeitung. 

Die einen werden meinen, es liege an der Konkurrenz: Es wird behauptet werden, dass Bozen neben einem Profi Eishockeyclub auch noch einen Profifußballverein beheimatet (den einzigen im Land, der übrigens auch nur 1.500 Zuschauer für sich begeistern kann). Stimmt nicht ganz: Denn in der Brunecker Fraktion St. Georgen spielt man auch Fußball. Mit deutlich weniger Aufwand. Aber trotzdem sehr erfolgreich und in einer (für Südtiroler Verhältnisse) hohen Liga.
Kann es also daran liegen, dass es am Erfolg der beiden Eishockeymannschaften liegt? Mitnichten. Denn die Bozner spielen sehr erfolgreich Eishockey und reden regelmäßig bei der Titelvergabe mit. Im vergangenen Jahr wurde Bozen Meister, Pustertal hat diesen wichtigen Titel noch nie gewinnen können. Trotzdem bleiben die Fans dem einen Verein treu, interessieren sich aber kaum für den anderen.

Die Erklärung, wieso Bozen vor leeren Rängen auftritt, liegt am Kult, den sich der HC Pustertal aufgebaut hat. In Bruneck setzen sich Leute für die Mannschaft und den Verein insgesamt ein, identifizieren sich vollkommen mit den Vereinsfarben. Menschen wie du und ich, die authentisch und glaubwürdig sind. Die Aktionen und Akzente setzen. Die sich in den Dienst der Sache stellen. Und so selbst zu Kultfiguren geworden sind. Wie Patrick "Patza" Kirchler, erster Fan, Pressesprecher und Fac-Totum im Rienzstadion. Der mit extravaganten Auftritten für Begeisterung und Identifikation sorgt.
Es ist keine Frage der Einlaufshow: Denn die wird auch in Bozen geboten. Es ist die Frage, mit wie viel ehrlichem Einsatz und aus dem Herzen kommender Fantasie diese immer wieder umgestaltet und auf das Spiel angepasst wird. In Bozen ist die Einlaufshow ein Pflichtprogramm. Im Pustertal ein Theaterstück, das Neugierde schafft, die bei jedem Spiel anders ist.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht die Einlaufshow alleine, die für ein volles Stadion sorgt. Es ist das Gesamtpaket, das den Erfolg ausmacht. Es geht darum, mit wie viel Begeisterung die Leute, die in und um den Verein arbeiten mit dabei sind. Es geht darum, dass man im Rienzpalast schon an der Kasse merkt, dass das anstehende Spiel ein besonderes ist, weil sich jeder Kartenabreißer wünscht, dass seine Wölfe gewinnen werden. 
Das ist es, was die Leidenschaft ausmacht. 
Wenn dann Patza auf das Eis kommt, dann ist das das Signal, dass es los geht. Und dass dieser Abend etwas ganz besonderes wird.

Die Leidenschaft, die man an der Rienz spürt, die macht das Produkt Eishockey im östlichen Landesteil so einzigartig. Und so erfolgreich. Und sorgt für einen nicht kopierbaren Status. Denn, wenn man die einzelnen Elemente kopieren würde, ohne das Feuer, das man hier spürt, werden die Bausteine seelenlos. Und damit leer.
Womit ich für mich (endlich) die Erklärung gefunden habe, was den Erfolg des Eishockeys hier ausmacht. 


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